The Catlins

04.03.2015

Der Wecker klingelt. Es ist kurz vor sechs Uhr. Die ersten Sonnenstrahlen werden wohl noch etwas brauchen, bis sie den Horizont erklimmen. Draußen ist es noch stockfinster. Wir haben es trotzdem eilig, wollen wir doch den Moment des Sonnenaufgangs am Nugget Point beobachten. Der Nugget Point, das ist ein Leuchtturm, der umgeben von kleinen Felsen, den Nuggets, in das offene Meer hineinragt. Er wird das erste Ziel unserer Tour durch die Catlins sein.

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Der Wetterbericht hatte einen wolkenfreien Himmel prophezeit. Bei voranschreitender Dämmerung zeigt sich jedoch, wie penetrant sich die Wolkendecke des Vortags an ihrer Position halten konnte. Alles ist zugezogen, und daran wird sich auch so schnell nichts ändern. Nach ein paar Bildern geht es schließlich weiter zum nächsten Ziel.

Wir befinden uns direkt auf der Southern Scenic Route. Sehenswürdigkeiten gibt es hier im Abstand weniger Kilometer nah aneinander gereiht. In einzelnen Bezirken wie den Catlins lässt sich die Scenic Route genauer untergliedern.

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Unser nächstes Ziel ist das passend betitelte Jacks Blowhole. Durch einen unterirdischen Tunnel erkämpft sich ein Strom von Meerwasser seinen Weg bis in eine Schlucht im Landesinneren. Dort strömt es aus einer Höhe von 55m in die Tiefe. Vermutlich ist dieses Spektakel nicht immer beobachtbar. Als wir nach einer kurzen Wanderung ankommen, erhaschen wir nur Blicke in eine tiefe Schlucht. Trotzdem war uns allein dieser spektakuläre Anblick der Schlucht die Anfahrt wert.

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Nicht weit von Jacks Blowhole entfernt befinden sich zwei riesige Wasserfälle. Inzwischen ist auch der Rest der Welt aufgestanden und gerade Reisebusse nutzen die Purakauni Falls als gelungenen Ausflug auf ihrer Tour. Fasziniert stellen wir fest, dass eine ganze Gruppe neuseeländischer Rentner Subway Sandwiches verspeist. Fastfood bei dieser Generation ist ein komischer Anblick. Uns soll es recht sein. Wir beginnen, solange sie essen, schonmal mit den kurzen Abstieg zu den Wasserfällen.

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Der Weg führt direkt durch den Wald. Wir waren noch nie zuvor in einem Urwald oder tropischen Regenwald. Der Anblick, der sich unseren Augen durch das erste Dickicht bietet, ist überwältigend. Auch wenn es sich vermutlich nur um einen normalen neuseeländischen Wald handelt, trifft es genau Lisas Vorstellung eines Urwalds. Eine dichte Blätterdecke bedeckt den Wald von allen Seiten, sodass sich die Ranken wie schützende Hauswände um die kleineren Waldpflanzen aufbauen. Farne und verschlungene Bäume bilden den Untergrund. Ein Baum hat so lange, tiefschwarze Äste, dass man auf den ersten Blick meint, dort isolierte Stromkabel vorzufinden. Doch mehr menschlicher Eingriff als ein paar Stufen zur einfacheren Begehung ist hier nicht erfolgt. Der allgegenwärtige Bewohner dieser Baumriesen ist das Moos. Es scheint sich an jeder Stelle wohl zu fühlen und schafft ein saftig grünes Gesamtbild.

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Inzwischen hört man leichtes Plätschern, der große Wasserfall ist nicht mehr fern. Und auch die Rentnergruppe hat uns aufgrund unserer ausführlichen Fotostopps wieder eingeholt. Eifrig wird auf den Wasserfall eingeknipst. Von mehreren Passanten werden wir angesprochen, ob wir beruflich für National Geographic oder etwas ähnliches fotografieren. Unsere Stative und Kameras schinden hier viel Eindruck. In Norwegen erschien Lisas Kamera fast klein im Vergleich zum Rest, der noch herumlief. Bei so viel atemberaubender Natur ist es fast wunderlich nur so wenige Fotografen zu treffen.

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Die zweiten Wasserfälle, die McLean Falls, übtertreffen das Bild der vorher betrachteten Purakauni Falls fast noch etwas. Von hoch oben strömt das Wasser erst einen senkrechten Abhang hinunter, um sich danach in viele kleine Wasserfälle zu zerteilen.

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Am nächsten Morgen klingelt der Wecker kaum später. Es heißt wieder früh ausstehen, um die Cathedral Caves zu besichtigen. Sie liegen direkt am Meer und sind nur bei Ebbe zugänglich, was bedeutet, dass wir um 8:30 Uhr am Parplatz loslaufen sollten. Gegegen Mittag wären sie schon wieder überschwemmt. An diesen Morgen überrascht uns endlich der strahlend blaue Himmel, auf den wir schon am Vortag vergebens gewartet haben.

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Wieder erfolgt der Abstieg durch einen dieser faszinierenden neuseeländischen Urwälder, bis man den weichen Sandstrand betritt. Zwei hoch erhobene Eingänge bilden die Pforte zum Höhlensystem. Sie erinnern tatsächlich an das Mittelschiff einer Kathedrale. Im Inneren zeichnen sich an den nassen Wänden noch die Spuren der kurz zuvor da gewesenen Flut ab. Der hinterste Bereich liegt aber stets im Trockenen. Dort hausen gerade zwei Pinguine, die sich mausern und für 24 Tage nicht ins Wasser können. Es sind die ersten Pinguine, die wir in freier Wildbahn sehen, und so beobachten wir begeistert wie sie sich in der dunklen Ecke regen. Auch andere Besucher der Höhle sind fasziniert von den kleinen Bewohnern und folgen dem seltenen Anblick. Keiner wagt es einen Blitz zu verwenden oder sie mit der Taschenlampe anzuleuchten.

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Wieder oben angekommen wird ein gerade einfahrendes Auto schon wieder weggeschickt. Die bald einsetzende Flut ist schon so nah, dass die Höhlen bis zur nächsten Ebbe gesperrt werden.

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Bei der Weiterfahrt legen wir einen kurzen Stopp am Lake Wilkie ein. Am kleinen idyllischen See lassen sich ein paar Libellen bei ihrer Arbeit beobachten, während sich im tiefblauen Wasser die umliegenden Bäume spiegeln.

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Nachdem sich Neuseeland heute von seiner schönsten Seite zeigt, fahren wir nochmal ein kleines Stück zurück, um den beim Vorbeifahren am Vortag entdeckten Lookout Florence Hill zu besuchen. Meer und Wald scheinen sich an diesen Ort fast zu berühren.

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Auch an der nächsten Küste, der Curio Bay, rauschen die Wellen über Gehölz. Vor Urzeiten gab es hier einen Wald, der heute als versteinerter Küstenabschnitt vorliegt. Beim genauen Betrachten erkennt man in der Felsenlanschaft einzelne Holzstämme und Wurzelsysteme, die sich im Stein winden.

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Am Slope Point sind wir nicht nur am südlichsten Punkt unserer Reise, sondern auch am südlichsten Punkt der Südinsel Neuseelands angekommen. Ungefähr die gleiche Kilometerzahl trennen uns jetzt vom Äquator und vom ewigen Eis der Antarktis.

Mit Invercargill erreichen wir am Abend den südlichsten und zugleich westlichsten Stadtbezirk der Region Southland und der Südinsel. Abgesehen vom überregionalen New World Supermarkt, bei dem wir inzwischen Club Member geworden sind, kommt uns die Innenstadt erstaunlich ausgestorben vor. Nach Einbruch der Dunkelheit treffen wir keine Menschenseele mehr auf der Straße an. Es gibt nur wenige bis keine Bars oder Tavernen, keine Cafés und ebenso wenig Beleuchtung in den Schaufenstern der geschlossenen Geschäfte.

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Ca. 30km südlich von Invercargill endet der State Highway 1, der sich über Nord- und Südinsel Neuseelands erstreckt, bei der Ortschaft Bluff. Von einem Hügel kann man die Halbinsel und den Hafen gut überblicken. Milky Way (die Milchstraße) hüllt sich leider wie so oft in ihren Wolkenmantel. Zum Beobachten der Sterne ist es in den meisten Nächten zu dunstig.

Vom tiefen Süden führt uns die Southern Scenic Route als nächstes in's Fjordland.

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Steffen
10.03.2015
Phantastische Bilder, wie immer. Bin schwer begeistert.
Patin
11.03.2015
Für mich war dieser Blog jetzt erst mal mein Highlight. Ihr habt Pinguine gesehen. Absolut geil. LG
Bernie
12.03.2015
Mir war nicht bewusst, dass Neuseeland einen Urwald hat. Das ist echt eine faszinierende Landschaft.